Aus den Badischen Neuesten Nachrichten vom 1. August 2000

Mit Kraft und Eigensinn die Kunstlandschaft bereichert
Zum Tod des Malers Lothar Quinte /
Von gestischer Farbmacht zur Weite minimalistischer Konzentration

Die Leinwand hatte ihn schon früh gepackt, und der Fallschirmjäger des Krieges tauschte nur zu gern das Tuch zum Malen. Wie Peitschenhiebe drosch er seine Existenz über die frühen Bilder, warf sein Geworfensein über die Welt, frei und selbstständig über das offene Feld, ein Bild schon genug für den Beatnik, der die deutsche Kunstlandschaft seit 1957, seit er von HAP Grieshaber als Hangar Abschied genommen hatte, mit Kraft und Eigensinn bereicherte. Er galt als einer der Jungen damals, als die Alten des Dritten Reiches den Anschluss an die Kunst des Vorkrieges suchten: Er warf das weg, war sich selbst inmitten der Trümmerwüsten genug blieb allein, blieb sich selbst, als er das gestische Zeichen mählich beruhigte und zum großen, atomaren Klang anhub und im Bild ausbreitete.
Quinte war damals ein Erfinder, der seinen Körper als eigenen Klang in den Raum schwang, eine dunkel vibrierende Farbmacht, eine Membran, die nur sich selbst als Feld anerkannte und autonom als ganze Welt das volle Feld eroberte. Und erhielt damit Anerkennung, war 1962 der bekannte Künstler, der sein Glück gemacht hatte. Man fand, man suchte ihn, er genoss die Freiheit in vollen Zügen und zog Freunde an: Arnulf Rainer, Markus Prachensky, Piero Dorazio, Lo Savio, Georg Karl Pfahler, Herbert Zangs, Bernd Berner. Sie waren wie er Maler der Farbe. Entwerfer des Zeichens, mit dem sie Chiffren der Welt in Bilder bannten, eine Internationale der Bildsprache für den ganzen Kosmos bauten: Alles ist Klang.
Lothar Quinte zog in diese Farbraumkörper dann tektonische Felder, betonte in den Sechzigern die Kontakte der Körper untereinander, wurde öffentlich, erlebte die Welt als großes Spektrum und ließ ein paar Jahre später das Licht als Prisma analytisch auffächern. Dabei wechselte er vom gestischen Malen zum konkreten Plan: Wie ein utopischer Architekt vermaß er die Welten, Räume und Farben; und es erklang eine Welt dynamischen Leuchtens, ein Synonym für die Morgenröte, für den Aufbruch der Sechziger Jahre. Das wurde ihm zu viel, zu laut, zu allumfassend, denn in den Utopien der Harmonien fand er sich als Individuum nicht wieder. Er brach ab. Utopist allein wollte er nicht sein, begann nach einer Weltreise in den Siebzigern aufs Neue, wissend, dass nur er allein sich finden konnte, denn die Fülle der Welt war wie die Leere immer gleich. Das war ein großer Schritt zur Individuation auch der Kunst, mit minimalistischem Konsens kräftige Klänge farblicher Präsenz zu malen, gegenwärtig zu sein, weit, ruhig und strahlend, ein wirklicher Körper durch die reale Farbe und einen realen Raum allein nur zu suggerieren. Das war so bis zum Tode geblieben, so sehr sich die Welt, ihre und seine Bilder auch gedreht haben mögen.
Flächen löste er in kleinste Spuren auf, in Partikel von Elementen, in seriellen Reihungen band er. sie wieder zusammen, er spielte mit den Rinnsalen des Drippings, Archäologe und Forscher und Maler zugleich, überzog, ganz neu, die Farbe mit Gittern und Gattern: wie ein Klangbild, wie einen chromatisch orchestrierten Teppich, verwob Farbe und Struktur in Kleinstrukturen ineinander und entdeckte in vibrierenden Metaphern die Welt globaler Organismen. So wurden Individuum und Gruppe zur Einheit. Die Bilder wurden zu starken Körpern, die sich aus ihrer Umgebung weit, kräftig und üppig herauswuchteten und ihr dennoch klanglich verbunden blieben, Feld unter Feldern, Keil unter Teilen, autonom und gleich.
Das wurde das Thema, wurde Grundstimmung bis in dieses Jahr, wenn Lothar Quinte in sonoren Malereien manchmal die Grundfarben alleinig auf die Bilder packte, um sie in Diptychen, in Triptychen wieder zueinander zu bringen,, oder in vexierenden Spiegelungen gleicher, monochromer Farbe die Ränder zu ausgleichenden wie trennenden Schichten der Vielfarbigkeit einzelner Körper entwickelte, Das wurde so banal wie raffiniert: Man weiß und man sieht die Summe malerischer Erfahrungen, die Abgeklärtheit der Position. Da gibt es nichts mehr zu diskutieren: die Bilder stehen als selbstständige Gegenüber wie Individuen vor uns.
Lothar Quinte benutzte in den letzten zwei Jahren, als der Tod ihm schon lange vor Augen war, die Weisheit der Alten, und er mochte es nicht hören, wird’s nun nicht mehr lesen: Er malte so trocken und körnend wie die Alten, wie Tizian, Rubens, Velasquez in breiten Bahnen mager und dennoch pastos vortragend; lapidar eben. So behauptete Quinte lange noch malend sein langsam erlöschendes Leben, über die Angst vor dem Sterben hinaus in großen Formaten ebenso leicht wie früher, aber die Hand zeichnete den Lichtschatten der Todesahnungen immer häufiger in Bilder farblicher Transparenz, die jene merkwürdige Transfiguration hinausschwingen lässt, die man erst nach seinem Tod als alternativen Teil allen Erdenseins verstehen möchte. Seine Gemälde bleiben als Behauptung von Existenz, aber sie sind leuchtend genug, auch vom Tod zu künden. Der hat ihn sich nun im Schlaf genommen.

Gert Reising