Kalender Galerie Müller. Stuttgart,1966


Lothar Quinte galt lange Zeit als Maler sehr stiller, grau verhangener, fast abweisender Leinwände. Seit zwei Jahren unterbrechen Farbe und Licht die zunächst noch dunkle Monochromie mit einer blendenden Achse, ziehen durch die Fläche einen einzigen scharfen Spalt, der grelle Tiefen öffnet, eine enge weiße oder hellfarbene, von andersfarbigen Streifen gesäumte Schlitzblende,die sich zu beiden Bildrändern hin entweder verbreitert oder verjüngt, eine jäh aufzuckende Leuchtspur. In der Folge werden die Farben auch der – monochrom gebliebenen – Bildgründe immer öfter fast schmerzhaft intensiv. Je nachdem, wie der Lichtschlitz vertikal, horizontal oder diagonal über ein Hochformat oder ein Breitformat gelegt ist, finden Statik und Dynamik immer anders zum Ausgleich. Diese Bewegung, die auf den Betrachter eindringt, konstituiert Raum. Dieser Farbspalt, dieses Blinkfeuer, dieser Blitz macht etwas von Zeitlosigkeit spürbar. Nicht nur extreme Langsamkeit, auch extreme Beschleunigung kommt dem Zustand der Ruhe gleich. Also gibt es Meditationsbilder auch im elektronischen Zeitalter.

Kurt Leonhard